Ganzheitliche Lehrlingsausbildung

Der Mensch steht im Zentrum der Wissensvermittlung, Selbst- und Sozialkompetenz. Interview mit Dieter Hämmerle, Leiter des Arbeitskreis Metall und Ausbildungsleiter Julius Blum GmbH, Höchst

Herr Hämmerle, was verstehen sie unter Selbstkompetenz?

Zuerst möchte ich anmerken, dass wir diese Begriffe nicht erfunden haben und die Vermittlung von Selbst- und Sozialkompetenzen zu erst im Elternhaus beginnt. Auch die Kindergärten und Schulen nehmen hier eine Schlüsselrolle ein. Es ist leider offensichtlich, dass ihnen und in der Folge auch uns, diese Aufgabe immer noch mehr zugemessen wird. Wir müssen diese Aufgabe annehmen, dürfen aber die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen, sondern müssen im Gegenteil deutlich daran erinnern und die Zusammenarbeit suchen.

Unter den Begriff Selbstkompetenz fallen für mich Eigenschaften wie Selbstwahrnehmung, Selbstvertrauen, Eigenverantwortung, Offenheit, Selbstbewusstsein, Selbstbeherrschung, Kreativität und Authentizität, also Echtheit, Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Wir fördern diese Kompetenzen unter anderem in eigenen Workshops oder durch die schrittweise Übertragung von Verantwortung und die spezifische Anerkennung von Leistungen in diesem Bereich. Ein gutes Beispiel ist die Möglichkeit für Lehrlinge, ihre Ausbilder sowie die Lehrer der Berufsschule zu beurteilen. Da greifen Selbst- und Sozialkompetenz ineinander.

Wie vermitteln Sie Sozialkompetenz?

Sozialkompetenzen sind Eigenschaften wie Kommunikationsund Konfliktfähigkeit, Überzeugungsfähigkeit, Beziehungs- und Teamfähigkeit, Führungsqualitäten, Respekt und Wertschätzung gegenüber anderen. Wir fördern diese Kompetenzen tagtäglich und in Workshops und Seminaren.

In ihnen geht es darum, die eigenen Gefühle und die anderer wahrzunehmen, mit den eigenen Gedanken und Einstellungen und denen anderer konstruktiv umzugehen. Wir nützen auch das Lehrlingsturnen zu diesem Zweck, genauso wie Outdoor-Erfahrungen oder Erste-Hilfe-Kurse. Die Vermittlung von Selbst- und Sozialkompetenzen beherrscht das „Wie“ der Lehrlingsausbildung, während die fachlichen Inhalte das „Was“ darstellen. Das kann man eigentlich gar nicht trennen.

Wie definieren Sie ganzheitliche Lehrlingsausbildung?

Als Leitlinie gilt: „Der Mensch mit seinen biologischen, geistigen, seelischen und sozialen Bedürfnissen und Potenzialen steht im Zentrum aller Überlegungen“. In der Praxis müssen wir uns zuerst einmal selbst ehrlich und bewusst fragen: Was interessiert uns? Was und warum lernen wir gerne und leicht, wann und warum ist das Gegenteil der Fall? Was tut uns gut und was nicht? Wie verarbeiten wir unsere Konflikte und Ängste – mit Rückzug oder Aggression – oder um ein sehr einfaches Beispiel auf körperlicher Ebene zu nennen, mit Zigaretten, mit Alkohol oder mit Sport?

Das Ausmaß an persönlicher Zufriedenheit, an Leistung und Lebensglück, das durch psychosoziale Gesundheit mobilisiert werden kann, ist riesig. Unsere größten Potenziale liegen im Abbauen von Angst und Aggressionen, von Frust und Streit, zunehmenden seelischen Störungen. Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen positive Vorbilder geben. Es liegt an uns, das scheint mir in der Praxis der wesentlichste Punkt zu sein. Wenn wir diesen Punkt erfüllen, können wir den Jugendlichen auch jene Fachkompetenzen lehren, die für ihre persönliche Zukunft wichtig sind. Diese Zukunft steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Zukunft des Wirtschaftsstandortes Vorarlberg. Wir alle werden überdurchschnittliche Leistungen erbringen müssen, um den Standort und damit unseren Lebensstandard zu erhalten.

Kontakt

Dieter Hämmerle
Dieter Hämmerle
Julius Blum GmbH
Ausbildungsleiter