Welches Wissen brauchen unsere Kinder?
Ein Spezial zum Thema Wissen. Wissen damals und heute, wachsendes Weltwissen und Wissenswichtigkeit.
Ein Spezial zum Thema Wissen. Wissen damals und heute, wachsendes Weltwissen und Wissenswichtigkeit.
Noch vor wenigen Jahrzehnten wusste man sehr genau, was ein gebildeter Mensch ist. Vor allem aber war man sich einig, was Bildung in ihren verschiedenen Ausformungen bedeutet. Es war klar, welches Wissen Menschen brauchen, die Berufe wie Ingenieur/-in, Krankenpfleger/- in, Maschinenschlosser/-in oder Lehrer/-in anstrebten. In den Schulen wurde neben allem anderen noch so etwas wie Stenografie gelehrt, Biologie hieß Naturgeschichte und es gab keinen EDV-Unterricht.
Kein Wunder, denn auch in den Büros der Erwachsenengesellschaft standen, wenn überhaupt, nur Raum füllende Rechenmaschinen herum, die von ihren Benutzern mit größter Skepsis betrachtet wurden. Begriffe wie Personal Computer waren unbekannt, gar nicht zu reden von Internet. Die damals hochmodernen Maschinen in den Industrie- und Handwerksbetrieben wurden ebenso händisch gesteuert, wie die Semmeln am Frühstückstisch mit der Hand geformt und gebacken waren. Die Hand war übrigens auch das wichtigste Instrument des Chirurgen.
Heute arbeitet er mit vielfacher technischer Unterstützung. In der Arbeitswelt der Industrie sind Maschinen computergesteuert. Konstrukteure sollte man eher Maschinendesigner nennen, sie arbeiten nicht am Zeichenbrett, sondern mit komplexen Programmen am Bildschirm. Sie sind vernetzt mit Kolleginnen und Kollegen auf anderen Erdteilen, kommunizieren in verschiedenen Sprachen und Fachsprachen und nutzen globales Wissen.
Während der Pflichtschulzeit eines Schulkindes wächst das Weltwissen um das Doppelte, deutschsprachige Buchverlage veröffentlichen an die 100.000 Bücher pro Jahr. Die Suchmaschine Google durchforstet etwa 30 Millionen Webseiten im Internet und es gibt ungefähr 6.000 verschiedene Berufe, von denen viele hoch spezialisiert sind. Die Welt hat sich zur Wissensgesellschaft gewandelt.
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, zum „dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu werden.“ Es gibt so etwas wie eine Wissensökonomie, in der beispielsweise berechnet wurde, dass „ein Prozent verbesserte Lesefähigkeit die Arbeitsproduktivität um 2,5 Prozent erhöht oder dass jedes zusätzliche Lehrjahr eine private Bildungsrendite von acht bis zehn Prozent einbringt.“
Kurz gesagt, wer mehr weiß, leistet mehr und verdient im Verlaufe seines Lebens sehr viel mehr. Am Rande sei bemerkt, dass die Lehrzeit neuer Hightech-Berufe in der V.E.M., der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie dank einer Initiative von Egon Blum schon vor vielen Jahren und entgegen anderer Stimmen in Österreich verlängert wurde.
Die ökonomische Sicht ist gut, beleuchtet aber weder den Einfluss von Wissen auf die persönliche Entwicklung der Menschen, auf Aspekte wie Selbstwert, individuelle Lebensgestaltung oder Beziehungsfähigkeit, noch sozio-kulturelle Aspekte: schlicht, das Zusammenleben der Menschen. Welches Wissen ist nun das eigentlich wichtige und was macht einen gebildeten Menschen aus?
Forscher/-innen und Praktiker/-innen, Vertreter/- innen von Schule und Wirtschaft haben unterschiedliche Sichtweisen dazu. Die Standpunkte reichen von extremen Aussagen wie „Bildung soll die Produktivität der Arbeitskraft erhöhen ...“ bis zu anderen Extremen, welche „die Vervollkommnung des Einzelnen als höchstes Bildungsziel“ sehen, ohne die wirtschaftliche Entwicklung, die Chancen auf einen Arbeitsplatz und die Notwendigkeiten der Unternehmen und der Volkswirtschaft in einer Welt ohne Grenzen zu berücksichtigen.
In Vorarlberg sieht man die Sache pragmatisch. Nicht „entweder, oder“ kann das Thema sein, sondern „sowohl, als auch“ meint zum Beispiel Mag. Michael Amann, der Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftkammer Vorarlberg.
Ähnlich sieht es Michael Haim, Geschäftsführer der Vorarlberger Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, die mit dem Kodex-L Werthaltungen in der Lehrlingsausbildung aufgestellt hat, die weit über die Vermittlung von Fachwissen hinausgehen. In den Schulen bemühen sich Lehrerinnen und Lehrer mit höchstem Engagement dem „Buchstaben- und Zahlenwissen“ Sinn und Wert zu verleihen, unter anderem durch Kreativität, musische Erziehung, Gedankentiefe und ein gelebtes Miteinander. In der V.E.M. steht, um ein anderes Beispiel zu nennen, das Ziel einer ganzheitlichen Lehrlingsausbildung an höchster Stelle.